ADHS und Pflegegrad: Was bei Kindern und Erwachsenen zählt
Kurz gesagt
Eine ADHS-Diagnose begründet für sich keinen Pflegegrad. Entscheidend ist, wie selbständig die Person in den sechs Modulen des Medizinischen Dienstes ist. Bei Kindern wird zusätzlich der Vergleich mit gleichaltrigen gesunden Kindern herangezogen.
Warum die Diagnose ADHS allein nicht entscheidet
Die Pflegeversicherung fragt nicht, welche Diagnose vorliegt, sondern in welchem Umfang eine Person bei alltäglichen Verrichtungen auf die Hilfe anderer angewiesen ist. Das gilt für ADHS genauso wie für jede andere Erkrankung. Ob ein Pflegegrad in Betracht kommt, zeigt sich erst in der Begutachtung durch den Medizinischen Dienst. Ein Ergebnis lässt sich vorab nicht zusagen.
Bei ADHS stehen häufig Besonderheiten in der Aufmerksamkeit, der Impulskontrolle und der Handlungsplanung im Vordergrund. Ob sich daraus ein dauerhafter Hilfebedarf bei den Alltagsverrichtungen ergibt, ist von Person zu Person verschieden. Viele Betroffene kommen ohne Pflegegrad zurecht, bei anderen ist der Unterstützungsbedarf erheblich.
Sie möchten die Punkte einmal selbst durchgehen? Zum Pflegegrad-Rechner →
Welche der sechs Module bei ADHS relevant sein können
Der Medizinische Dienst bewertet die Selbständigkeit in sechs Modulen, die unterschiedlich gewichtet werden. Bei ADHS können vor allem folgende Bereiche eine Rolle spielen:
| Modul | Gewichtung | Mögliche Berührungspunkte bei ADHS |
|---|---|---|
| Mobilität | 10 % | meist nicht im Vordergrund |
| Kognitive und kommunikative Fähigkeiten | 15 % | zeitliche Orientierung, Verstehen von Aufforderungen, Beteiligung an Gesprächen |
| Verhaltensweisen und psychische Problemlagen | 15 % | z. B. nächtliche Unruhe, selbstschädigendes oder aggressives Verhalten; von den Modulen Kognition und Verhalten zählt nur das Modul mit der höheren Punktzahl |
| Selbstversorgung | 40 % | Waschen, Anziehen, Essen und Trinken, wenn Anleitung oder Beaufsichtigung nötig ist |
| Krankheitsbedingte Anforderungen | 20 % | z. B. Medikamentengabe, soweit Unterstützung nötig ist |
| Alltagsgestaltung und soziale Kontakte | 15 % | Tagesablauf gestalten, Kontakte pflegen |
Wichtig ist: Von den Modulen Kognition und Verhalten fließt nur das Modul mit der höheren Punktzahl in die Gesamtwertung ein. Beide haben die gleiche Gewichtung von 15 %. Die Punkte aller Module ergeben zusammen die Einstufung. Eine Übersicht der Schwellen finden Sie im Pflegegrad-Rechner und auf der Seite zu den Voraussetzungen.
Pflegegrad bei Kindern mit ADHS
Bei Kindern ist der Vergleichsmaßstab ein gleichaltriges, gesundes Kind. Kleine Kinder brauchen ohnehin Hilfe beim Waschen, Anziehen oder Essen. Berücksichtigt wird deshalb nur der Mehraufwand, der über das für das Alter übliche Maß hinausgeht. Je jünger das Kind, desto schwieriger ist es deshalb, einen zusätzlichen Hilfebedarf nachzuweisen.
Typische Fragen in der Begutachtung betreffen etwa, ob das Kind bei der Körperpflege ständig angeleitet und beaufsichtigt werden muss, ob es sich selbst gefährdet, ob es Alltagssituationen ohne Anleitung bewältigt und wie der Schulalltag und die Freizeit gestaltet werden. Eine Einstufung hängt davon ab, wie ausgeprägt und dauerhaft dieser Mehrbedarf ist. Der Antrag wird von den Eltern oder Sorgeberechtigten gestellt.
Die Leistungen der Pflegeversicherung ersetzen keine Therapie. Fragen zu Behandlung und Medikation klären Sie mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt. Diese Seite gibt keine medizinische Beratung.
Pflegegrad bei Erwachsenen mit ADHS
Bei Erwachsenen gibt es keinen Altersvergleich. Es zählt, welche Tätigkeiten sie nicht oder nur mit Hilfe, Anleitung oder Beaufsichtigung durch andere ausführen können. Unterstützung bei der Organisation des Haushalts oder Termine zu behalten, wird in den Modulen für die Selbständigkeit nur dann berücksichtigt, wenn es um die dort abgefragten Verrichtungen geht, etwa die Gestaltung des Tagesablaufs oder die Selbstversorgung. Dass jemand im Beruf oder im Haushalt Schwierigkeiten hat, begründet für sich keinen Pflegegrad.
Liegt ein Pflegegrad vor, bestehen Ansprüche je nach Grad. Welche Beträge gelten, steht in der Übersicht der Leistungen der Pflegekasse. Der Entlastungsbetrag in Höhe von 131 € monatlich steht allen Pflegegraden zu, auch Pflegegrad 1.
So bereiten Sie den Antrag vor
Den Antrag auf Pflegegrad stellen Sie bei der Pflegekasse, die zur Krankenkasse gehört. Das Vorgehen beschreibt die Seite Pflegegrad beantragen. Aussagekräftig wird die Begutachtung vor allem, wenn der tatsächliche Alltag nachvollziehbar dokumentiert ist.
- Führen Sie über mehrere Tage ein Pflegetagebuch: Wobei braucht die Person Anleitung, Aufsicht oder direkte Hilfe, und wie oft?
- Halten Sie fest, was an einem schlechten Tag passiert, nicht nur an einem guten.
- Legen Sie vorhandene Arztberichte, Therapieberichte und Förder- oder Schulunterlagen bereit.
- Sorgen Sie dafür, dass bei der Begutachtung eine Person anwesend ist, die den Alltag gut kennt.
Fällt der Bescheid niedriger aus als erwartet, können Sie Widerspruch einlegen. Verschlechtert sich der Zustand später, kommt eine Höherstufung in Betracht.
Was ein Pflegegrad bei ADHS konkret bringen kann
Wird ein Pflegegrad festgestellt, hängen die Leistungen vom Grad ab. Pflegegeld gibt es ab Pflegegrad 2: 347 € (PG 2), 599 € (PG 3), 800 € (PG 4) und 990 € (PG 5) monatlich. Pflegegrad 1 hat keinen Anspruch auf Pflegegeld. Pflegegeld und Sachleistungen sind 2026 nicht gestiegen. Nach geltendem Recht ist die nächste Anpassung zum 1. Januar 2028 vorgesehen; ein Gesetzentwurf (Drucksache 21/8869) sieht Änderungen ab 2027 vor, beschlossen ist er noch nicht. Näheres steht unter Pflegereform 2027.
Den Antrag auf Begutachtung können Sie jetzt vorbereiten: Beginnen Sie mit dem Pflegetagebuch und stellen Sie anschließend den Antrag bei der Pflegekasse, wie unter Pflegegrad beantragen beschrieben.
Häufige Fragen
Bekommt man bei ADHS automatisch einen Pflegegrad?
Nein. Der Pflegegrad hängt nicht von der Diagnose ab, sondern von der Selbständigkeit in den sechs Modulen der Begutachtung. Ob und welcher Grad festgestellt wird, entscheidet die Pflegekasse auf Grundlage des Gutachtens des Medizinischen Dienstes.
Wie wird bei einem Kind mit ADHS der Pflegegrad bestimmt?
Verglichen wird mit einem gleichaltrigen gesunden Kind. Nur der Hilfebedarf, der über das altersübliche Maß hinausgeht, wird berücksichtigt. Bei sehr kleinen Kindern ist das daher schwerer nachzuweisen.
Kann ein Erwachsener mit ADHS einen Pflegegrad bekommen?
Grundsätzlich ja, wenn bei Alltagsverrichtungen dauerhaft Hilfe, Anleitung oder Beaufsichtigung nötig ist und die Gesamtpunktzahl die Schwelle erreicht. Schwierigkeiten bei Organisation oder Beruf allein genügen nicht.
Was hilft bei der Antragstellung?
Ein mehrtägiges Pflegetagebuch, vorhandene Arzt- und Therapieberichte und eine bei der Begutachtung anwesende Bezugsperson. So lässt sich der tatsächliche Alltag nachvollziehbar darstellen.
Quellen
- Sozialgesetzbuch XI — Soziale Pflegeversicherung — Rechtsgrundlage aller Leistungen und ihrer Beträge.
Beträge geprüft am 2. November 2026. Maßgeblich ist immer der Bescheid Ihrer Pflegekasse.
Nächste Schritte
- Pflegetagebuch führen
Dokumentieren Sie über einige Tage, wobei Hilfe, Anleitung oder Aufsicht nötig ist.
Zur Vorlage Pflegetagebuch → - Antrag bei der Pflegekasse stellen
Der Antrag löst die Begutachtung durch den Medizinischen Dienst aus.
Pflegegrad beantragen → - Begutachtung vorbereiten
Informieren Sie sich über Ablauf und Module des Termins.
Ablauf der Begutachtung →